Die Tanzstelle und ich!

Tanzstudio Wien
Günter Heidinger

Wer die Tanzstelle kennt, dem sind wahrscheinlich auch die meisten der dort aktiven Trainerinnen und Kursleiter in irgend einer Weise bekannt! Zwar gehören einige der dort Unterrichtenden nicht zum Kernteam und sind nur selten in der Vorgartenstraße anzutreffen, dennoch lernt man einander im Laufe der Zeit mehr oder weniger kennen. Trotz der enormen Vielfalt unserer TanztrainerInnen haben diese aber eines gemeinsam, nämlich das Tanzen als ihre Leidenschaft und liebste Bewegungsform, was sie auch mit den allermeisten der Tanzstelle-Gäste verbindet. Überhaupt ist es das Tanzen in seinen unterschiedlichsten Erscheinungsformen, das man sozusagen als das Wesen der Tanzstelle bezeichnen kann.

 

Dass man in einem derart homogenen Gesinnungsgefüge jemanden vorfinden könnte, der im Grunde eigentlich nichts mit dem Tanzen zu tun hat und das noch dazu über mehr als 40 Jahre nicht, ist eher unwahrscheinlich. Noch unwahrscheinlicher jedoch erscheint die Tatsache, dass einem solchen Tanzbanausen wie mir eine doch nicht ganz unwesentliche Funktion im Gefüge des Tanzstudios zukommt, obwohl das so gar nicht vorgesehen war.

 

Über 3 Jahre ist es her, seit unsere Studioleiterin Nina mich so nebenbei dazu überredet hatte, sie "ein wenig in der Organisation und dem Aufbau eines Tanzstudios zu unterstützen"! Dass ich dieses Gerede anfangs kaum ernst genommen hatte, war der Grund, warum es tatsächlich zu dem gekommen ist, was heute die Tanzstelle heißt. Freilich würde ich sie unterstützen, sie solle nur erst mal machen, der Rest ergibt sich dann von selbst, so ähnlich waren meine Worte, deren Wirkung ich aber massiv unterschätzt hatte. So liefen die Vorbereitungen mehr oder weniger organisiert dahin und ehe ich überhaupt realisiert hatte, was vor sich geht, war da plötzlich ein fast fertiges Tanzstudio in der Vorgartenstraße. Der Einfachheit halber sollte ich den Laden ein wenig mit organisieren helfen. Daraus geworden ist für mich nach und nach ein Fulltime-Job, der - und das ist das für mich Erstaunlichste - mir mittlerweile sogar Freude bereitet und den ich trotz aller Wirren nicht mehr missen möchte!

 

Geblieben ist allerdings mein Verhältnis zum Tanzen als praktische Tätigkeit, im Traum würde es mir nicht einfallen, mich auf eine derartige Art und Weise zu bewegen. Obwohl das Bewegen seit meinem 12. Lebensjahr zu mir gehört, ich hunderte Radrennen, Dutzende Triathlonbewerbe und wohl an die 1000 Laufwettkämpfe im Laufe der letzten Jahrzehnte bestritten habe. Dafür habe ich mich in den vergangenen Jahren zu einem der interessiertesten Beobachter und Tanztheoretiker gewandelt, der sich jetzt auch nicht mehr geniert, wenn er von der Tanzstelle und seiner dortigen Funktion erzählt. Man möchte es vielleicht kaum glauben aber einige Monate lang war es mir tatsächlich unangenehm und erschien mir völlig absurd, dass ich als Geschäftsführer eines Tanzstudios fungiere. Ich kam mir vor wie ein Hund unter Bienen oder wie ein seltsames Unikat, ein Weichei, das sich neben seiner aktiven Lebensgefährtin ein bisschen wichtig machen darf.

 

Im Laufe der Zeit hatte sich aber gezeigt, dass ein Tanzstudio sehr wohl auch ein wenig davon profitiert, wenn der unbeeinflusste Blick des Tanzlaien Dinge sieht, die man als TänzerIn aus Fachblindheit nicht mehr sehen kann! Trotz meiner Rolle allerdings fällt mir zunehmend auf, dass man mich offenbar als etwas nicht ganz Dazugehöriges wahrnimmt und sich schwer tut, meine Einstellung zum Tanzen und allem was dazu gehört abzuschätzen. Darum habe ich mich zu diesem kleinen Bekenntnis entschlossen und kann allen Zweiflern versichern: Ich bin überzeugt, dass der Tanz als Urform menschlicher Kultur ein immenses Potential in sich trägt und mein größter Respekt gilt all jenen, die im Tanzen ihre Bestimmung bzw. ihre Leidenschaft gefunden haben! Nur eines will ich sicher nicht: Selbst zu tanzen! Und höchstwahrscheinlich ist das auch gut so!